Interview mit Julianne Lee aka J. Ardian Lee

Auf Julianne Lee bin ich aufmerksam geworden durch das Buch "Vogelfrei - Das Schwert der Zeit" Es ist der erste Teil von vier Bänden einer sehr spannenden Fantasy-Serie.

Karin M.: Würden Sie uns etwas über sich und ihr Leben erzählen?

Julianne Lee: Ich wurde in Kalifornien geboren, lebe jetzt aber mit meinem Mann und zwei Kindern in Tennessee. Mein Sohn hat letzte Woche die Highschool abgeschlossen und wird nächstes Jahr die Universität besuchen, und meine Tochter beendet die Highschool im nächsten Jahr. Mein Mann fährt Bus für Rock'n Roll Bands. Zum Vergnügen schreibe ich seit ich zwölf bin. Mit dreißig nahm ich es dann ernster. Sieben Jahre später schrieb ich professionell als Reporterin für die lokale Zeitung. SON OF THE SWORD (Originaltitel zu "Vogelfrei") ist mein erster Roman, der veröffentlicht wurde, aber mein dreizehntes abgeschlossenes Manuskript.

Karin M.: Würden Sie uns einen typischen Arbeitstag bei Ihnen beschreiben?

Julianne Lee: Wenn ich an einem bestimmten Buch arbeite, bin ich wie besessen. Wenn ich morgens aufstehe, hetze ich durch die tägliche Hausarbeit, um zum guten Teil zu kommen, den ich mit meinen Romanfiguren verbringe. Manchmal verbringe ich 16 Stunden mit Schreiben, und gehe nur ins Bett wenn ich zu müde bin, um noch irgendwas zu denken. Aber wenn ich gerade nichts schreibe, lese ich zumeist, und hole die ganzen Sachen nach, die ich während meiner Arbeit nicht gemacht habe. Bei mir geht leider alles drunter und drüber.

Gerade eben habe ich das dritte Buch der Serie beendet, denke aber schon an die Handlung des vierten Buches. Außerdem habe ich Ideen für zwei weitere Bücher, die nicht Teil der Serie sind. Manchmal ist es schwer, an diese vielen Charaktere zu denken, die alle ihre eigene Geschichte erzählt haben wollen.

Karin M.: Ich habe gelesen, dass Sie Schauspielerin waren? Können Sie uns über diese Zeit etwas erzählen? Was für Rollen haben Sie gespielt?

Julianne Lee: Ich habe mit dem schauspielern angefangen als ich acht war, als einer von Fagin's Jungen in einer hiesigen Produktion des Bühnenmusicals "Oliver". Als ich ungefähr vierzehn war, schrieb, leitete und spielte ich in einem Amateurfilm namens "Operation Cowabunga". Es war sehr kurz und ein bisschen eine Parodie, aber es war sehr lustig. Nach der Highschool hatte ich eine weitere Möglichkeit zu spielen. Im Kabelfernsehen in einer Show namens "One Day At A Time". Eine Statistenrolle, aber es war mein erster professioneller Job. Ich besuchte die "American Academy of Dramatic Arts" in der Nähe von Los Angeles, Kalifornien, wo ich den Abschluss als Schauspielerin erworben habe. Ich war bei einigen Studentenfilmen dabei, dann hatte ich einen Zweitagejob in einem Film mit dem Titel "At Close Range" mit Christopher Walken und Sean Penn. Es war keine tragende Rolle, aber Mr. Walken hat unglaublicherweise mitgearbeitet. Das war, als wenn man dafür bezahlt wird, eine Schauspielstunde zu nehmen. Leider war dies das letzte Mal, dass ich vor der Kamera stand. Jetzt lebe ich in Tennessee und hier sind die Jobs als Schauspielerin schwerer zu finden als in Kalifornien. Ich habe mich deshalb dem Schreiben zugewandt, und habe bemerkt, dass meine ganze Schauspielausbildung mir dabei hilft, Geschichten zu erzählen. Ich liebe es. Es ist, als würde es möglich sein, alle Rollen gleichzeitig zu spielen. Manchmal stehe ich immer noch auf der Bühne - mit einer hiesigen Amateurgruppe, die sich "The Steeple Players" nennt. Heutzutage spiele ich hauptsächlich Komödien, aber vor einigen Jahren habe ich in "Jesus Christ, Superstar" gespielt. Kurz davor war es "Children of a Lesser God", was für mich eine wundervolle Erfahrung war, da ich dort etwas Zeichensprache gelernt habe.

Karin M.: Auch haben Sie als Reporterin gearbeitet. Das stelle ich mir sehr spannend vor?

Julianne Lee: Ich habe sowohl Berichte als auch Nachrichten für die örtliche Zeitung geschrieben. Es war ein interessanter Job, und ich lernte eine Menge über das Schreiben, aber mein Herz gehörte immer der Erzählung. Es war meist sehr deprimierend, Menschen Fragen über Begebenheiten zu stellen, die gewöhnlich das schlimmste war, was ihnen jemals passiert ist. Einmal wurde ich zum Beispiel beauftragt, über einen Fall zu berichten, wo ein Mann verurteilt wurde, der jemanden beauftragt hatte, seine Frau zu ermorden. Ich musste die Frau anrufen und sie fragen, was sie wegen dem fühlte. Ich fühlte sehr mit ihr. Viele Opfer, mit denen ich gesprochen habe, hatten Angst mit mir zu reden, aus Furcht, die Kriminellen, die manchmal immer noch auf freiem Fuß waren, würden zurückkommen und sie deswegen verletzten. Über Verbrechen zu berichten war sehr schwer für mich. Ich war froh, als ich mich für die Schauspielerinterviews bei Starlog vorstellte.

Karin M.: Auch hörte ich, dass Sie Stars für das "Starlog Magazine" interviewt haben? Könnten Sie uns bitte einige dieser Stars nennen?

Julianne Lee: Natürlich. Ich schrieb sieben Artikel für "Starlog", von denen viele über die Darsteller von "Akte X" waren. Mehrere wurden in Deutschland veröffentlicht. Ich habe mit den meisten Personen aus der Serie das ein oder andere Mal gesprochen, einschliesslich des Entdecker Chris Carter, des Drehbuchautor Jim Wong, einigen der Gastdarstellern, und ich hatte Glück, zweimal mit Gillian Anderson (Agent Dana Scully) zu sprechen. Mein letztes Interview mit ihr war nur ein paar Wochen nach der Geburt ihrer Tochter, und obwohl sie eine erschöpfte Mutter war, war sie so freundlich wie sie konnte. Trotzdem war mein liebstes Interview das mit David Duchovny, der in der Serie den Agenten Fox Mulder spielt. Er verbrachte einige Zeit mit dem Interview, und war sehr lustig und unterhaltend. Dieser Artikel mit dem Titel "X-Symbol", wurde im Januar 1996 in der deutschen Ausgabe des Starlog veröffentlicht.

Karin M.: Ich habe gelesen, dass Sie schon einige Kurzgeschichten geschrieben haben. Wovon handeln diese? Sind sie in Deutschland zu erwerben? Welche Preise haben Sie dafür erhalten?

Julianne Lee: Ich habe nicht sehr viele Kurzgeschichten geschrieben, weil ich die längeren Romane bevorzuge. Ich mag es, eine lange Zeit mit meinen Charakteren zusammen zu sein. Wie auch immer, ich habe eine Kurzgeschichte geschrieben, die im gerade eingestellten "Cosmic Unicorn" veröffentlicht wurde, mit dem Titel "Culture Control". Sie handelte über die Zensur und wie kreative Menschen sich ihr widersetzen müssen. Eine andere Story mit dem Titel "As Ye Believe" gewann in den Vereinigten Staaten den "President's Prize" der "Green River Writers". Es hatte auch die Zensur als Thema und war sehr düster. Meine Arbeit war viel näher am Horror. Jetzt habe ich es etwas aufgehellt.

Karin M.: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine ganze Serie, zu schreiben? Warum haben Sie eine Fantasy-Serie geschrieben? Können Sie uns mitteilen, wie die Serie entstanden ist? Können Sie den deutschen Lesern noch ein bisschen mehr über die Serie erzählen?

Julianne Lee: Da meine Großmutter eine Ross war und mein Mädchenname Bedford ist, war ich schon ein ganzes Leben lang anglophil. Ich habe mich immer damit identifiziert, dass ich englischer und schottischer Abstammung bin, so dass mich die britische Kultur immer interessiert hat. Vor ein paar Jahren wurde ich darauf hingewiesen, dass schottische historische Zeitreiseromane sehr beliebt wären. Ich liebe Zeitreisegeschichten, und lese gerne Fantasy. Ich bin ein großer Fan der Fernsehserie "Highlander", und ich bin besonders fasziniert von Schwertern und dem Schwertkampf. Und so habe ich beschlossen, mich an dieser Art von Geschichte zu versuchen. Es war, als hätte es innerlich Klick gemacht, und ich wußte, ich habe mit etwas besonderem begonnen. SON OF THE SWORD ist allerdings nicht so wie alles, was ich vorher gelesen oder geschrieben habe. Ich hatte vorgehabt, eigentlich nur ein Buch zu schreiben, aber die Geschichte entwickelte sich immer weiter. Anstatt alles in einem dicken Buch zu veröffentlichen, habe ich es in eine Serie aufgeteilt.

Die ersten drei Bücher der Serie sind eine Trilogie. Sie erzählen die Geschichte von Dylan Matheson und seinem Kampf, sich selbst zu erkennen und den Leuten zu helfen, die sein Clan geworden sind. Mit Cait erlebt er Herzschmerz und deren Heilung. Das vierte Buch erzählt die Geschichte von Ciaran Matheson, der nächsten Generation, bei der Schlacht von Culloden, wo auch er darum kämpft, seinen Platz in der Geschichte einzunehmen. Sinann (Anm.: eine Fee) wird natürlich auch dabei sein. Ich kann Ihnen nicht mehr dazu sagen, sonst wäre das nächste Buch für Sie verdorben.

Karin M.: Hatten Sie Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden? Hatten Sie Einfluss auf die Gestaltung der Cover oder der Buchtitel?

Julianne Lee: SON OF THE SWORD wurde vom ersten Herausgeber , dem ich es in der USA gesandt habe, gekauft. Meinem Agenten war es möglich, die Rechte auch nach Deutschland zu verkaufen, und wir freuen uns, dass die ganze Serie in Deutschland erscheinen soll. Die Reaktionen der deutschen Leser waren sehr erfreulich.

Ihre Frage über die Cover und die Titel werden ich in mehreren Teilen beantworten. Für die US-Ausgabe war ursprünglich die gälische Übersetzung für "son of the sword" vorgesehen. Diejenigen, die das Buch gelesen haben wissen, dass das "Mac a'Chlaidheimh" heisst. Wie auch immer, es klappte nicht gut mit diesem Titel, so dass wir bei dem englischen geblieben sind. Der deutsche Titel "Vogelfrei - Das Schwert der Zeit" wurde komplett vom Heyne Verlag erfunden. Ich spreche ein bisschen deutsch, aber nicht so viel, das ich einen passenden Titel gefunden hätte. Deshalb bin ich froh über dieses Arrangement.

Normalerweise ist es Autoren nicht erlaubt, so viele Eingaben zur Covergestaltung zu machen. So läuft es nicht. Ich hatte Glück, dass ich doch von meinem Herausgeber gefragt wurde. Mein einziger Wunsch war, dass das Schwert im Bild ein echter Claymore ist. Manchmal wird das schottische Breitschwert mit einen Korb-Griff irrtümlicherweise als Claymore bezeichnet und ich wollte nicht dieses Durcheinander. So wurde ich gebeten ein Bild des Claymore zu schicken, ebenso eine Beschreibung des Tartans der Mathesons. Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Paul Robinson hat wunderbare Arbeit geleistet indem er die Burg und Glen Ciorram in den Vordergrund gebracht hat. Das deutsche Cover habe ich noch nicht gesehen.

Karin M.: Mir ist aufgefallen, dass man im Roman "Vogelfrei" sehr viele Informationen über die Zeit bekommt, in der der Roman spielt. Das hat mir besonders gut gefallen. Wie recherchieren Sie für Ihre Romane?

Julianne Lee: Vielen Dank. Ich begann dieses Projekt indem ich gelesen habe. Ich kaufte jedes Buch das ich über schottische Geschichte finden konnte, damit ich nicht voraussetzte, dass "britisch" auch "schottisch" bedeutet. Nichtsdestotrotz habe ich realisiert, dass England und Schottland furchtbar viel Geschichte teilen und auch nicht wenig Kultur. Ich fühlte, dass es wichtig ist, die Unterschiede zwischen den Engländern und den Schotten zu verstehen, warum ihre Geschichte so aufgewühlt war. Ich las ebenso Bücher über die Keltische Mythologie, einschliesslich des Fenier Zyklus und des Ulster Zyklus, in dem der große Cuchulain erschien. Ich sprach mit Kampfsportexperten, und konnte glücklicherweise F. Brown, den Schwertkampftrainer der Fernsehserie "Highlander", nur für dieses Projekt interviewen. Ich las über die Geschichte der Kriegführung und die Geschichte der politischen Theorie Großbritanniens, ebenso wie Bücher über das Landleben in dieser Zeit. Als ich das Buch geschrieben habe, entwickelte ich eine Faszination für die gälische Sprache. Ich nahm einige Stunden, und obwohl ich weit davon entfernt bin, sie flüssig zu beherrschen, habe ich doch ein Grundwissen bei den Vokabeln und der Grammatik. Ich hoffe im nächsten Jahr deswegen einen wochenlangen Vertiefungs-Kurs in Schottland zu machen - nur zum Spass. Ich bin auf hiesigen Schottlandfestivals gewesen, die von Nachkommen der schottischen Immigranten veranstaltet werden. Und ich bin ein Mitglied der "Middle Tennessee Scottish Society".

Karin M.: Sind Sie selbst bereits einmal in Schottland gewesen?

Julianne Lee: Im Oktober 1999 habe ich eine Forschungsreise gemacht. Ich verbrachte einige Tage in Edinburgh, lief herum, auf und ab, durch die Wyndes und Closes, fuhr zur Burg und ging in einige Museen, und probierte das Essen. Ich entschied, dass ich Haggis mag, doch ist es sehr schwer. Ich könnte es nicht oft essen. Haferbrei ohne Zucker, Soft Drinks ohne Eis waren auch höchst interessante neue Erfahrungen. Dann fuhr ich nach Glenfinnan, um einen guten Ausblick auf Fort William zu bekommen und auf Teile der Highlands. Besonders im Oktober sind die Berge atemberaubend schön. Ich hatte einen guten Ausblick auf die Ruinen der Garnison bei Fort William. Es war wirklich sehr bewegend. Die örtliche Bücherei hatte auch ein Buch, das einige Zeichnungen der Garnison beinhaltete, wie sie aussah bevor sie abgerissen wurde. Der Portcullis beherbergt den örtlichen Friedhof, so das es mir möglich war, ihn zu photographieren. Das Hotel in Glenfinnan hatte einen großartigen Ausblick auf die Glens. An einem klaren Tag konnte man den Ben Nevis sehen. Während ich dort war, habe ich THE SON OF THE SWORD beendet, über Loch Shiel blickend zu den Hügeln, wo Bonnie Prince Charlie 1745 die Standarte seines Vaters, James Stuart, erhoben hatte.

Karin M.: Wissen Sie, warum die deutsche Ausgabe des Buches unter Julianne Lee erschienen ist, während das Original den Namen J. Ardian Lee trägt?

Julianne Lee: Das ist einfach die Vorliebe von jeden Herausgeber. Mein voller richtiger Name ist Julianne Ardian Lee, und so trägt jede Ausgabe die Version, die der Herausgeber bevorzugt. Aber das macht nichts. Es ist immer mein Name.

Karin M.: Ich weiss nicht, ob ich so fragen darf, aber sind sie wegen  ihrer Serie schon einmal mit Diana Gabaldon verglichen worden? Was denken Sie über den Vergleich?

Julianne Lee: Ich finde es schmeichelhaft. Sie hat eine Art mit Wörtern umzugehen, um die ich sie ein wenig beneide. Wir sind sehr verschiedene Autoren, die sich aus verschiedenen Richtungen der gleichen Sache nähern.

Karin M.: Sind Ihre Romane, außer in Deutschland, auch in anderen Ländern erschienen?

Julianne Lee: Noch nicht. Tatsächlich ist die US-Ausgabe noch gar nicht erschienen. Sie kommt im Juli raus.

Karin M.: Wer sind Ihre Lieblingsschriftsteller oder -bücher?

Julianne Lee: Oh, ich könnte den ganzen Tag über Bücher sprechen. Mein liebster Autor ist Stephen King. Er ist ein düsterer Autor, aber ein fabelhafter Geschichtenerzähler. Ich mag auch Michael Crichton, wegen der Vielfalt seiner Geschichten. Die Fantasy von Jennifer Roberson ist sehr gut, denke ich, und die von Melanie Rawn. Ich mag auch viele ältere Arbeiten, wie "Der Herrder Ringe" und "Dune". Immer schon mochte Ernest Hemingway und John Steinbeck, Oscar Wilde, William Shakespeare, und ich liebte "Le Morte D'Arthur" von Sir Thomas Mallory. Es gibt so viele wundervolle Bücher. Jedes Mal, wenn ich mit Freunden über Bücher spreche, sage ich schließlich: "Oh, ja! Dieses! Das habe ich geliebt!

Karin M.: Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus? Dürfen wir in Zukunft mit weiteren Romanen von Ihnen rechnen?

Julianne Lee: Absolut! Ich denke, ich habe den besten Job auf der Welt. Ich freue mich schon selbst sehr darauf.

Karin M.: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben, meine Fragen zu beantworten!

Julianne Lee: Es war mir ein Vergnügen. Danke, dass Sie gefragt haben.

© Isolde Wehr und Karin Mundorf, Juni 2001, Die romantische Bücherecke

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Dieses Interview entstand im Juni 2001 zwischen Karin M. und Julianne Lee für:



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