Interview mit Sandra Lee

Isolde: "Verhexte Herzen" ist Ihr erster veröffentlichter Roman und wurde mit besten Kritiken bedacht. Wollten Sie eigentlich immer schon historische Liebesromane schreiben?

Sandra Lee: Zunächst einmal danke für das Kompliment. Ich hatte eine ausgezeichnete Herausgeberin, Stephanie Kipp, und einen großartigen Verleger, Bantam Books, beides Umstände, die sehr hilfreich waren.

Ich habe noch bevor ich lesen oder schreiben konnte und lange bevor das Genre Romance so groß wurde, meine Liebe für alles Romantische entdeckt. Als kleines Kind habe ich in Tampa, Florida gelebt. In Tampa findet alljährlich ein Großereignis statt, das ,Gasparilla' heißt. Die Feierlichkeiten finden zum Gedenken an den Piraten Jose Gaspar statt, der die Stadt Tampa Anfang des 19. Jh. eingenommen hat. Paraden, Flöße und ein Piratenschiff, das Kanonen abfeuernd in den Hafen einläuft, gibt es da zu bestaunen. Die Piraten waren in Kostüme gekleidet, trugen große Goldringe in den Ohren, hatten schwarze Augenklappen und Entermesser. Die Frauen auf den Flößen der Parade boten mit ihren farbenprächtigen Gewändern und der schwarzen Spitze ein beeindruckendes Bild.. Sie können sich sicher vorstellen, wie sehr das einem kleinen Mädchen gefallen musste. Ich schätze mich sehr glücklich, dass ein Genre entstanden ist, das mir erlaubt, die romantische Atmosphäre in Worte zu fassen, die ich in meiner Kindheit erleben durfte.

Isolde: Wie lange haben Sie für das Schreiben dieses Buches gebraucht? Und woher haben Sie die Idee dafür?

Sandra Lee: Ungefähr sechs Monate hat das Schreiben gedauert und ungefähr noch einmal ein Jahr, es zu überarbeiten.

Ich hatte einen Roman begonnen, in dem Golde eine unbedeutende Randfigur war. Sehr unbedeutend sogar. Sie spielte nur eine Nebenrolle und war eindeutig zu schwierig, um als Heldin in Frage zu kommen, aber das war Golde egal. Sie begann auf einmal erst Szenen an sich zu reißen, dann schließlich ganze Kapitel. Sie setzte mir so lange zu, bis sie ihr eigenes Buch bekam. Also legte ich den anderen Roman vorübergehend auf die Seite und schrieb "Verhexte Herzen".

Isolde: Ihr Roman ist sehr humorvoll. War es für Sie selbstverständlich, ein eher witziges Buch zu schreiben? Sind Sie selbst humorvoll?

Sandra Lee: Mein Ehemann und ich haben vor kurzem unsere Silberhochzeit gefeiert. Sie können mir glauben, nach 25 Ehejahren kann man Romantik nicht anders als mit einer Portion Humor betrachten. Aber ich bin gar nicht diejenige, die komisch ist. Das sind doch die Männer. Sie machen die ganze Zeit komische Sachen. Das meine ich gar nicht herabsetzend oder abwertend. Ich habe meinen Vater sehr verehrt, und ich liebe meinen Ehemann von ganzem Herzen. Aber nachdem ich mit beiden Männern zusammengelebt habe, ist es ein Wunder, dass ich im Stande bin, meinen eigenen Namen zu schreiben.

Ich kann mich daran erinnern, wie mein Vater einmal eine Eidechse auf der Mauer, die unseren Garten gegen den dahinter verlaufenden Kanal abgrenzte, fangen wollte, um sie als Köder beim Angeln zu verwenden. Zu dem Zeitpunkt war er schon Mitte vierzig. Während er in gebückter Haltung rückwärts auf der Mauer ging, trat er geradewegs in ein Spanisches Bajonett, eine Pflanze mit spitzen, langen Dornen.

Man kann sich ohne große Schwierigkeiten ausmalen, wo er verletzt wurde. Absolut lachhaft. Er fiel von der Mauer, schnitt sich seine Fußsohlen an den scharfen Austernschalen auf und musste mit unzähligen Stichen genäht werden. Wollen Sie mehr? Sechs Monate später ist ihm dasselbe passiert, als er einen Grashüpfer einfangen wollte. Immer noch nicht genug? Zwei Tage lang hat er geschuftet und geschwitzt, während er das Spanische Bajonett ausgebuddelt hat, übergoss es mit Benzin und zündete es an.

Mein Ehemann? Ein passionierter Golfspieler. Während er in dem Golfwagen fährt, lässt er gewöhnlich seinen linken Fuß aus dem Wagen hängen und stößt sich damit vom Boden ab. Ich weiß von mindestens drei Gelegenheiten, an denen er sich selbst über den Fuß gefahren ist und sich entweder den Knöchel beziehungsweise die Zehen verstaucht oder gebrochen hat. Es ist nur ein Segen, dass jemand diese neuen Golfschuhe ohne Stollen erfunden hat.

Sehen Sie, was ich meine? Männer sind komisch.

Isolde: Der Held in "Verhexte Herzen" ist blind und hat Narben im Gesicht. Warum haben Sie ihn alles andere als perfekt gemacht?

Sandra Lee: Mir blieb keine andere Wahl. Golde, die Heldin ist eine so merkwürdige Gestalt, voller Ecken und Kanten. Ein gut aussehender Mann würde nicht anziehend auf sie wirken. Es würde sie verlegen machen, und sie gehört zu den Menschen, die ihre mangelndes Selbstwertgefühl hinter Sarkasmus verbergen. Die gehässige Ader in ihr hätte verhindert, dass ein attraktiver Mann sie liebt, und den Lesern wäre sie zu verbittert erschienen.

Ich brauchte einen Mann, dem Golde sich verbunden fühlen konnte, einen Mann, der ebenso zäh ist wie sie und auch so wütend auf die Welt, aber mit einer Schwäche, einer Verletzlichkeit, die Golde anziehen und sie dazu bringen würde, ihren inneren Schutzwall fallen zu lassen.

Isolde: Die Geschichte spielt auf der Insel Wynt. Waren Sie selbst schon einmal in Südengland?

Sandra Lee: Ich war noch nie in England, habe aber genug darüber recherchiert, um das Gefühl zu haben, als ob ich dort lebte. Merkt man, dass die Insel Wynt in Wahrheit die Isle of Wight sein soll?

Als ich mitten im Buch steckte und irgendeine Kleinigkeit überprüfte, an die ich mich gar nicht mehr erinnere, fand ich zu meinem Entsetzen heraus, dass die Isle of Wight nicht zu den Gebieten Englands gehörte, die von Wilhelm nach der Schlacht von Hastings erobert wurden. Darum änderte ich "Wight" in "Wynt"

Isolde: Wie sah Ihre Recherche für "Verhexte Herzen" aus?

Sandra Lee: Ich hatte schon tonnenweise für den Roman recherchiert, in dem Golde eine Nebenrolle spielte, hatte mein Bestes gegeben, die Angelsächsischen Chroniken zu verstehen, Biografien von Wilhelm, dem Eroberer, gelesen und jede andere eines Zeitgenossen Wilhelms, die ich auftreiben konnte. Die Katholische Enzyklopädie war sehr hilfreich. Damals lag die gesamte Schriftführung ja mehr oder weniger in den Händen der Kirche. Ich habe alte Karten studiert und mir Aufzeichnungen über die topografischen und klimatischen Bedingungen jener Zeit und Gegend beschafft. Das Klima war damals überall auf der Welt milder - heute gibt es viel Land, das damals Meer war und umgekehrt. Was heute kultiviertes Ackerland ist, war früher beinahe gänzlich Wald. Ich habe mittelalterliche Schriftsteller, Historiker des Mittelalters, und Archäologen gelesen, über Viehzucht, Zaubersprüche und Hexerei, Wälder und Brückenburgen.

Mir war gar nicht bewusst, wie unwissend ich eigentlich war, bevor ich nicht all dieses Zeug zu lernen begann.

Isolde: Wann stand für Sie fest, dass die Nebencharaktere Varin und Rocelyn ihre eigene Geschichte bekommen sollten? Können Sie uns schon etwas über ihr zweites Buch erzählen?

Sandra Lee: Es war genau anders herum. Varins und Roscelyns Geschichte wurde zur Seite gelegt, damit ich Goldes Buch schreiben konnte. So wurde das zweite Buch vor dem ersten veröffentlicht. Ich könnte Ihnen eine Menge über Varin und Rocelyn erzählen, aber ich will mich kurz fassen.

Armer Varin! Die Kriegsjahre, die er im Dienst für seinen normannischen Herzog, nun König von England, verbracht hat, verblassen neben dem Chaos, das eine kleine angelsächsische Lady verursacht. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist, von Dächern zu fallen und Häuser in Brand zu stecken, genießt sie es, ihm seine Unwissenheit unter die Nase zu reiben. Es ist nicht Varins Schuld, dass er keine Ahnung davon hat, wie man einen so großen Besitz führt. Schließlich ist er Krieger, nicht Verwalter.

Und Lady Rocelyn ist einfach entzückend, wenn er sie aufzieht. Sie mag brillant sein, was Gutsangelegenheiten angeht, aber dafür ist sie in anderer Hinsicht naiv und verletzlich.

Arme Rocelyn! Varin ist nicht der verhasste Feind, für den sie ihn gehalten hat. Er ist viel rücksichtsvoller und mehr auf das Wohl ihrer Leute bedacht als ihr eigener Vater oder ihre Brüder. In der Tat arbeitet er sogar hart daran, sich den Respekt ihrer Leute zu verdienen. Seine aufreizenden und anzüglichen Bemerkungen lassen sie erröten, bringen ihr Blut zum Kochen und wecken in ihr unselige Gedanken.

Aber Rocelyn ist entschlossen, England von den verhassten Normannen zu befreien, und sie besitzt eine geheime Schriftrolle, mit der genau das zu bewerkstelligen ist. Warum also schmerzt ihr das Herz bei dem Gedanken, Varin zu verlieren.

Isolde: Arbeiten Sie schon an einem weiteren Roman? Worum wird es darin gehen?

Sandra Lee: BLESSING IN DISGUISE lautet der Arbeitstitel. Wulfwyn und Trefor sind die beiden Hauptpersonen. Wulfwyn ist Rocelyns inzwischen erwachsene kleine Schwester. Wulfwyn ist eine Fälscherin, die ein kleines Problem mit ihrem Hang zum Glücksspiel hat. Sie ist in Wales, um für ein Kloster ein päpstliches Dokument zu fälschen.

Trefor ist ein verarmter walisischer Prinz. Bevor er nicht den Earl vernichten kann, der dafür verantwortlich ist, dass seiner Familie ihr Land gestohlen wurde, muss er sehen, wie er den Unterhalt für seine Bande Gesetzloser bestreitet. Er tritt gerade bei einem Ring-Wettkampf an, um Geld zu verdienen, als Wulfwyn in sein Leben platzt. Sie hat auf seinen Gegner gesetzt, und als es so aussieht, dass Trefor den Kampf für sich entscheiden wird, greift sie ein. Sie benutzt ihr Silberkreuz, um ihn mit dem Sonnenlicht zu blenden. Das ist nur der Anfang und beileibe noch nicht alles. Wie im echten Leben, weiß ich nie, was noch geschehen wird..

© Moments - Höhepunkte der romantischen Literatur und Die romantische Bücherecke, Isolde Wehr, Dezember 2001

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Dieses Interview entstand im Dezember 2001 zwischen Isolde W. und Sandra Lee ür:
 

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