Interview mit Katherine Sutcliffe

Katherine Sutcliffe gehört zu den bekanntesten und auch am meisten mißverstandenen Autorinnen des Romance-Genres. Ihre brillanten Bücher sind mitunter politisch nicht ganz korrekt und entfachten schon öfter heftige Diskussionen unter Leserinnen. Auch in Deutschland wird sie schon seit langer Zeit von Bastei Lübbe veröffentlicht.

Sie hört wahnsinnig gerne von ihren Fans und beantwortet garantiert jede e-mail sofort und persönlich!

Ihre Website: http://www.romancejournal.com/Sutcliffe/default.htm

E-mail: rose2@flash.net

Angela: Katherine, könnten Sie den Lesern ein wenig über sich erzählen? Ihre Vorlieben und Abneigungen, wo Sie leben etc.?

Katherine Sutcliffe: Ich bin eine gebürtige Ost-Texanerin! Ein Einzelkind und daher von meiner äußerst lebhaften Vorstellungskraft und Büchern abhängig mir selbst Gesellschaft zu leisten. Heute lebe ich außerhalb von Dallas, Texas. Ich bin mit einem Engländer verheiratet (Geologe für eine Ölgesellschaft) und habe zwei Kinder: Bryan (21) und im Abschlußjahr an der Texas A&M University, der mit Magna Cum Laude abschließen wird und danach auf die Rechtsschule gehen will und Rachel (16, eine fast 1,80 m große Schönheit, die Kapitän von zwei führenden Fußball-Ligen in Dallas ist und gerne deren Leiter wäre). Beide sind mein Stolz und meine Freude und die Erfüllung meines Lebens. Außerdem züchte ich Araberpferde und führe diese vor, habe vier Zwergziegen und einen Basset namens Rufus.

Angela: Warum und wie fingen Sie an zu schreiben?

Katherine Sutcliffe: Ich fing an zu schreiben bevor ich richtig lesen konnte. Ich kann mich erinnern, daß ich mit Buntstiften und Papier dasaß und Geschichten mit Strichmännchen erzählt habe. Ich habe mein erstes Buch im Alter von 13 Jahren geschrieben und fünf Jahre lang daran gearbeitet. Die Heldin war meine beste Freundin und der Held ihr Lieblings-Rockstar. Als ich es letztendlich weggeworfen habe (ich wurde 18 und war mehr an Jungs als am Schreiben interessiert... zu DER Zeit) umfaßte das Manuskript mehr als 3 000 handgeschriebene Seiten! Wie Sie sehen können, war ich dazu geboren und vom Schicksal als weitschweifige Schriftstellerin auserkoren! 1982 habe ich meinen Job als Headhunterin einer Personalberatung für Computerfachkräfte gekündigt. Ich beschloß damals, daß es an der Zeit sei, daß ich zumindest meine Ideen zu Papier bringe – vielleicht würden sie dann aufhören, mich Tag und Nacht heimzusuchen. Tja, das war’s. Sobald ich an einer Schreibmaschine saß, erkannte ich, daß ich zum Geschichtenerzähler vorbestimmt war. Drei Jahre später verkaufte ich mein erstes Buch „Wenn der Haß erlischt“ („Desire and Surrender“) an Avon Books. Das ist 17 Bücher her.

Angela: Wie bringen Sie Schreiben, Privatleben und Familie unter einen Hut? Wie sieht ihr typischer Arbeitstag aus? Wie viele Bücher schreiben Sie im Jahr? Wie forschen Sie für Ihre Bücher?

Katherine Sutcliffe: Ich bin der Meinung, daß Schreiben der absolut beste Beruf ist, um eine Familie zu versorgen. Ich war immer bei ihnen zu Hause und konnte mir daher jede Zeit nehmen, die ich brauchte, um an ihrem wunderbaren Leben teilzuhaben.

Von Unterbrechungen abgesehen arbeite ich 8 Stunden am Tag, fünf bis sieben Tage in der Woche. Ich könnte zwei Bücher im Jahr schreiben, aber seitdem mein Verlag nur ein Buch von mir pro Jahr veröffentlichen möchte, erlaubt mir dieses, ein Buch im Jahr zu schreiben und danach einige Monate mit den Kindern und den Pferden zu spielen.

Was die Recherchen angeht: ich habe mir eine ziemliche Bibliothek in den letzten Jahren aufgebaut. Allerdings besuche ich, wenn möglich, die Orte über die ich schreibe und mache mich mit der Gegend, den Menschen, der Geschichte etc. vertraut.

Angela: Ich habe festgestellt, daß die meisten Ihrer Bücher hauptsächlich im 18. und 19. Jahrhundert spielen. Warum bevorzugen Sie diese Jahrhunderte? Sie haben außerdem das Buch „Hope and Glory“ (bisher nicht in Deutschland veröffentlicht) geschrieben, das im mittelalterlichen England spielt. Werden Sie mehr über andere Jahrhunderte schreiben?

Katherine Sutcliffe: Diese Zeitalter, besonders das 19. Jahrhundert, interessieren mich am meisten. Ich habe mir immer vorgestellt ich sei im falschen Jahrhundert geboren. Das 19. Jahrhundert, besonders das Viktorianische Zeitalter, übt eine große Anziehungskraft auf mich aus. Vielleicht habe ich in einem früheren Leben in dieser Zeit gelebt. Wer weiß. Ich schrieb den mittelalterlichen Roman einfach deshalb, weil ich eine Verschnaufpause brauchte um fähig zu sein, als Schriftstellerin ein wenig zu wachsen. Es hat Spaß gemacht, besonders deshalb, weil ich übernatürliche Elemente darin verarbeitet habe und - wie die meisten meiner Leser wissen - liebe ich es, in der Düsternis herumzuplanschen. Aber ich habe nicht die Absicht, noch einmal über dieses Zeitalter zu schreiben.

Angela: Sie haben das Geheimnis um „Jack the Ripper“ für Ihre Kurzgeschichte Für immer Dein“ („Forever Yours“, Anm.: erschienen in der Anthologie „Planet Liebe, Ullstein, 1993, vergriffen und wird nicht mehr neu aufgelegt; im Original erschienen in der Anthologie „Haunting Love Stories“) und den Roman „Der Zauber Deiner Küsse“ („Love’s Illusion“) aufgegriffen. Wieso schrieben Sie über „Jack the Ripper“ und machten einen verrückten Vampir zum Täter ? (Anm.: in „Forever Yours“ wird das ungelöste Rätsel um den „Ripper“ aus „Zauber Deiner Küsse“ fortgeführt, der Täter war ein Vampir.) Welche Geschichte kam zuerst und haben Sie immer geplant, zwei Geschichten über dieses Thema zu schreiben?

Katherine Sutcliffe: Ich hatte nicht die Absicht, zwei Geschichten über dieses Thema zu schreiben. „Der Zauber Deiner Küsse“ kam zuerst. Jack the Ripper übte eine große Faszination auf mich aus und als ich von NAL/Penguin gefragt wurde, ob ich einen Romantic Gothic schreiben wolle, habe ich diese Möglichkeit beim Schopf ergriffen. Die gesamte Geschichte des Rippers und die Ermittlungen faszinierten mich - die Tatsache, daß der Mörder nie gefaßt wurde, ist ein wahrgewordener Traum eines jeden Schriftstellers. Ich konnte die Geschichte gedanklich einfach nicht abschütteln. Als Avon mich um eine Kurzgeschichte für Halloween fragte und ich den Vorschlag für „Für immer Dein“ ausarbeitete, gingen sämtliche Lichter bei mir an und ich dachte – großartig! Dies ist eine Möglichkeit, erneut kurz bei den Ermittlungen rund um den Ripper reinzuschauen (da ich in „Der Zauber Deiner Küsse“ die Story beendet habe, bevor die letzten grausigen Morde des Rippers tatsächlich stattfanden) und eine kleine, eigenartige Erklärung abzugeben, warum der Ripper sozusagen einfach im Morgengrauen verschwunden sein mag und man nie wieder von ihm gesehen oder gehört hat.

Angela: Das Ende von „Der Zauber Deiner Küsse“ ist eine Art offenes Ende. Ich mochte dieses Buch sehr und nachdem ich es gelesen hatte, mußte ich lange darüber nachdenken. Der Leser weiß nicht wirklich, ob Mercy Dominick letztlich wiedergefunden hat. Wie waren die Leserreaktionen? Waren einige Ihrer Fans enttäuscht oder mochten es alle?

Katherine Sutcliffe: Erstens, Mercy war definitiv am Schluß mit Dominick zusammen. Die Frage, die ich am liebsten im Raum stehen ließ, war: Was genau war Dominick? War er einfach nur ein unglaublich brillanter Scharlatan oder war er tatsächlich etwas Übernatürliches? Der ganze Kern der Geschichte war die Wiedergeburt: wie die beiden Liebenden, die getötet wurden, genau 100 Jahre später erneut zusammengebracht wurden, um dieses mal „glücklich bis an ihr Ende zu leben“. Deshalb haben in Wirklichkeit beide, Mercy und Dominick, irgendwelche übernatürlichen Hintergründe, die sie aneinander binden. Ich fühlte, daß Dominick definitiv tiefer mit dem Übernatürlichen verwurzelt war. Er kam wegen ihr zurück, um sie letztlich an seine Seite zu holen und sie tat es.

Ich ließ das Buch absichtlich irgendwie offen, damit sich die Leser ihre eigenen Gedanken über Dominick und Mercy machen konnten. Es war einfach die Art von Buch, die es mir erlaubte Spekulationen anzuregen. Ich erhielt ein paar Briefe von Lesern, die mich fragten was sie denken sollten und ich sagte ihnen, daß sie das denken sollen, was immer sie gerne als Schluß sehen würden. Wollten sie, daß Mercy und Dominick für immer zusammen glücklich in Paris lebten und ein Dutzend Kinder bekommen, dann mögen sie das annehmen. Falls der Leser aber offen für alles ist, dann glaubt er vielleicht, daß Dom und Mercy in eine andere Dimension gingen und dort glücklich waren, wie das Schicksal es für sie wollte.

Angela: Mercy hatte eine Fehlgeburt, als sie Dominick traf und er half ihr, was ein eher ungewöhnlicher Beginn für eine Liebesgeschichte ist.

Katherine Sutcliffe: Erstens, „Der Zauber Deiner Küsse“ war kein Liebesroman. Es war ein Romantic Gothic, nicht ein Gothic Romance. Großer Unterschied. Ich schrie und trampelte mit meinen Autorenfüßen, weil der Verlag darauf bestand, ein Romance Cover für das Buch zu verwenden. Es war niemals als Liebesroman gedacht, deshalb ist das Buch so wie es ist und deshalb habe ich mir Freiheiten mit den Charakteren, der Düsternis und der Gewalt herausgenommen.

Angela: Auch die Tatsache, daß die Heldin keine Jungfrau mehr war und ein Kind von einem anderen Mann erwartete, war ungewöhnlich. Können Sie uns mehr über Ihre Absichten hier erzählen?

Katherine Sutcliffe: Nochmal, als ein Mainstream Gothic-Roman habe ich einfach eine der Zeit und Umständen gemäße Geschichte über eine verzweifelte junge Frau geschrieben, die einen Weg aus ihrer Armut suchte. Dadurch, daß sie ihr Kind verlor und Dominick ihr half und sie unterstützte, hat er ihr bewiesen, daß er vertrauenswürdig war, stark, freundlich und ihr ihre Vergangenheit verzieh (Eigenschaften, die sie später brauchen würde, um während der Tortur, als Dominick für die Morde des Rippers verantwortlich gemacht wurde, weiterhin an ihrem Glauben in ihn festzuhalten). Er steinigte sie für ihren Fehler nicht, sondern verstand ihre Verzweiflung. In einer Welt, in der Menschen bösartig über jemanden oder etwas reagierten, der nicht ihren Idealen entsprach, zeigte Dominick durch sein Mitgefühl, daß er weitaus besser war, als die anderen.

Angela: War jemand entsetzt, denn ich habe von einer Leserin gehört, die das Buch nach wenigen Seiten geschockt wegwarf. Andere sagten, daß sie diesen Beginn und die Düsternis in diesem Buch liebten.

Katherine Sutcliffe: Es ist schade, daß jemand das Buch weggeworfen hat, weil es nicht ihren Kriterien für einen guten Liebesroman entsprochen hat. Wäre die Leserin vielleicht mit dem klareren Gedanken an die Sache gegangen, daß das Buch ein Mainstream Gothic mit romantischen Elementen war, hätte sie die Story vielleicht genossen. Ihr Verlust, schätze ich. Die Leute, die erkannten, daß das Buch kein Liebesroman per se war, sind diejenigen, die es am meisten schätzen können.

Tatsächlich wurde mir gesagt, daß dieses Buch in diesem Land einen ziemlich großen Kultcharakter entwickelt hat – Leute, die es nicht aufgrund der Liebesgeschichte mochten, die es auch gar nicht war – sondern aufgrund seines Hanges ins Übernatürliche. Eines Tages ist vielleicht ein Verlag schlau genug ein vernünftiges Cover dafür zu verwenden und dann erreicht es möglicherweise auch seine ursprüngliche Leserschaft.

Angela: Ihre Bücher sind alle sehr, sehr düster und die Helden und Heldinnen sind gequälte Menschen (was ich sehr gerne mag, da sie nicht so perfekt sind wie in anderen Büchern von anderen Autoren; sie haben sehr viele Schwächen). Der Leser liest eines Ihrer Bücher in wenigen Stunden, doch Sie schreiben Monate daran. Ist das Schreiben solch düsterer Geschichten manchmal deprimierend für Sie?

Katherine Sutcliffe: Absolut nicht deprimierend! Einmal fragte mich ein Lektor (nachdem ich „Der Zauber Deiner Küsse“ geschrieben hatte), ob ich eine schreckliche Kindheit hatte. Ha!! Ich sagte, daß dem tatsächlich so sei, aber das werden wir hier nicht vertiefen. Vielleicht stammt meine Düsternis aus der Erkenntnis, die ich über die verzerrte menschliche Psyche gewann oder so. Vielleicht versuche ich einfach, meine inneren Dämonen zu exorzieren. Meine Charaktere müssen eine Menge Seelenforschung betreiben, um ihre Motive für ihr Handeln zu begreifen, und sobald sie kapieren, was sie beunruhigt und sie das nicht sehr sympathisch für andere handeln läßt, überwinden sie ihre Angst und lassen diese hinter sich. Sobald sie das „Licht sehen“ gehen sie durch einen Heilungsprozeß und ich ende mit einer deutlich klareren Erkenntnis, was mich funktionieren läßt. Ich schätze der ganze Schreibprozeß ist eine Art Katharsis für mich.

Angela: Werden Sie mehr über die Bastitas oder die Warwicks schreiben? Oder ist dieses Kapitel für Sie abgeschlossen?

Katherine Sutcliffe: Ich würde liebend gerne mehr über die Bastita- und die Warwick-Familien schreiben, wenn die Verlage mich lassen.

Angela: Sie haben außerdem einige paranormale Kurzgeschichten geschrieben. Werden sie mehr paranormale Bücher in der Zukunft schreiben? Vielleicht mehr über die Vampire aus ihrer Kurzgeschichte „Forever Yours“?

Katherine Sutcliffe: Es ist mein größter Wunsch mehr Bücher dieser Art zu schreiben. Ich habe sogar eine andere Halloween-Kurzgeschichte geschrieben, die 1998 erschien und „The Wolf Keeper“ hieß (Anm.: erschienen in der Anthologie „Moonglow“, in Deutschland nicht veröffentlicht). Ich LIEBTE sie! Aber falls Sie die Möglichkeit haben, sie einmal zu lesen, machen Sie sich auf den Schluß gefaßt. (Anm.: dieser Schluß hat ein wirklich verstörendes offenes Ende!) Wenn Sie glaubten, „Der Zauber Deiner Küsse“ sei ein wenig beunruhigend, wird Sie dieses komplett umwerfen. Ich würde diese Story, die von einem Mann und seinem Sohn im Schottland des 18. Jahrhunderts handelt und die von einem Jahrhunderte alten Werwolffluch geplagt werden gerne auf das 21. Jahrhundert ausbreiten. Derzeit arbeite ich an einem Vorschlag dafür in meiner Freizeit.

Ich habe zu einem gewissen Punkt die volle Absicht einiges aktuelles Horrorzeugs zu schreiben. So sehr ich die dunklen, gequälten Charaktere und verdrehten Handlungen liebe, ist es doch ziemlich schwierig, dies im Liebesromangenre zu verkaufen. Das liegt schließlich auf der Hand.

Angela: Im November wurde „Whitehorse“ in den USA veröffentlicht, eine Contemporary Romantic Suspense Geschichte. Warum haben Sie einen zeitgenössischen Liebesroman geschrieben und werden Sie mehr schreiben? Wissen Sie, ob dieses Buch auch in Deutschland veröffentlicht werden soll?

Katherine Sutcliffe: Historicals zu schreiben ist SEHR einschränkend und nachdem ich dies nun seit fast 20 Jahren tue, muß ich zugeben, daß ich ein wenig klaustrophobisch dabei geworden bin. Ich schrieb vor einigen Jahren eine zeitgenössische Weihnachts-Kurzgeschichte und es schien mir, als ob ich die Fesseln von der Erfindungsgabe abstreifen könne, die einen Autor von historischen Liebesromanen zurückhalten können. Es regte meinen Appetit an, meine Talente und erzählerischen Fähigkeiten auszuweiten. „Whitehorse“ war eine unglaubliche Erfahrung und erlaubte mir, meine Flügel auszubreiten und als Schriftsteller zu wachsen.
Kürzlich habe ich bei Berkley unterzeichnet, einen „größeren“ Romantic Suspense zu schreiben, der mehr Mainstream Elemente hat und der es mir ermöglichen wird, meine Fähigkeiten zu entfalten.

Bis jetzt habe ich keinerlei Anhaltspunkte, ob mein deutscher Verlag die Absicht hat, „Hope And Glory“ oder „Whitehorse“ zu veröffentlichen; falls Sie diese Titel aber gerne sehen würden, lassen Sie es den Verlag wissen.

Angela: Es ist jedesmal eine Herausforderung, eines Ihrer Bücher zu lesen, da Sie oftmals die Grenzen des Liebesromangenres durchbrechen. Ist dieser Stil „geplant“ und was sagen Leser und Verlage dazu? Haben sie jemals versucht, Sie einzuschränken?

Katherine Sutcliffe: In einem Genre zu schreiben, schränkt einen Autor IMMER ein. Und ja, normalerweise rebelliere ich in gewisser Hinsicht oder Form. Ich plane es nicht. Es passiert einfach. Die Verlage haben immer meine rebellische Art begrüßt, ich kann nicht sagen, daß es die Leser tun und ich kann sie dafür nicht tadeln. Normalerweise lesen sie Liebesromane aufgrund einer bestimmten Art von Story und Charakteren und nun kommt Sutcliffe daher und schmeißt den ganzen Apfelkarren einfach um. Mein Verlag (Berkley) arbeitet gerade daran, mich in einer ganz neuen Verpackung zu promoten, die mich vom „Genre“ abhebt, so daß der Leser, der etwas intensiveres, mehr mainstream-haftes lesen möchte, mich auch finden kann. Endlich habe ich einen anständigen Lektor gefunden, der erkannt hat, daß Blumen, die einen auf dem Frontcover eines Buches regelrecht erschlagen und das bei einem Buch, das von kontroversen und düsteren Dingen handelt, nicht gerade von Vorteil ist, wenn man versucht, die richtige Leserschaft für das Buch/den Autor sucht.

Angela: Als ich zum ersten mal „Verführung am Amazonas“ („Shadow Play“) gelesen habe, war ich beeindruckt, wie der Leser nahezu gemeinsam mit den Charakteren verrückt wurde. Waren Sie jemals am Amazonas? Woher hatten Sie diese Erfahrungen, daß sich die Charaktere allein und angreifbar im Dschungel fühlen mußten?

Katherine Sutcliffe: Ich habe eine ganze Menge Recherchen für dieses Buch angestellt, das mittlerweile vergriffen ist (Anm.: sie bezieht sich auf das Original, meines Wissens nach ist die deutsche Übersetzung aber noch erhältlich). Hoffentlich bekomme ich eines Tages die Möglichkeit, es wieder zu verlegen. Es ist gewiß eine meiner am meisten mit Preisen ausgezeichneten Arbeiten. Aber im großen und ganzen war es einfach meine Vorstellungskraft, die diese Charaktere in die Hölle und wieder zurück beförderte.

Angela: In Ihrem Buch „Begierde kennt keine Grenzen“ („Devotion“) schrieben Sie über einen wahrhaft gequälten Helden, denn er war nach einem Unfall ein Pflegefall. Ich weiß, daß einige Liebesromanleserinnen ein Problem damit hatten, ein Buch zu lesen, in dem der Held ein „Monster“ war. Dieses Buch hat außerdem eine Art offenes Ende, der Leser weiß zwar, daß der Held die Heldin finden wird, aber er „sieht“ es nicht. Auch weiß er nicht, ob die Großmutter des Helden die Hochzeit erlauben wird etc.. Werden Sie ein weiteres Sequel zu diesen Büchern schreiben? Warum schrieben Sie über den zweiten Bruder und ließen ihn einen schrecklichen Unfall erleiden? Wollten Sie seinen vormals üblen Charakter durch diesen Unfall ändern? Wie lauteten die Reaktionen von Lesern bezüglich dieses Buches?

Katherine Sutcliffe: „Begierde kennt keine Grenzen“ hat definitiv ein Hornissennest aufgescheucht! Aber das scheine ich wohl am besten zu können und ich genieße es sehr! Realitäts-Check: ich habe immer an den Grenzen gerüttelt (wie bereits besprochen), warum sollte dieses Buch einen Unterschied darstellen?

Trey Hawthorne aus „Im Sturm der Gefühle“ (Miracle“) war ein Idiot und die Art von böser Junge, der seine Quittung dringend präsentiert bekommen mußte. Wie viel zu oft im wahren Leben, müssen gemeine Menschen erst mal auf die Schnauze fliegen, bevor sie „das Licht sehen“ und ihre Fehler einsehen. Er war arrogant und mußte daher gedemütigt werden. Er hatte alles: gutes Aussehen, Macht, Geld und hat alles mißbraucht. Er mußte erst alles verlieren, damit er es zu schätzen wußte und am Ende einsehen konnte, daß Macht und Geld nichts im Vergleich zur Süße der wahren Liebe bedeuten.

Dieses Buch spaltete tatsächlich die Leserschaft in zwei Lager. Die eine Hälfte liebte den Schluß und fand ihn absolut angemessen für die Art Buch, die „Begierde kennt keine Grenzen“ ist. Die andere Hälfte wollte mich teeren und federn. Ich persönlich erhielt keine Beschwerden darüber, daß der Held ein Monster sei, aber falls es Leser gegeben hat, die sich durch einen unvollkommenen Helden gestört fühlten, sollte ich sie an den Film „Die Schöne und das Biest“ erinnern. Es ist alles symbolisch, nicht wahr? Das Thema ist doch hier, dem Schlechten und Häßlichen zu erlauben, sich durch die Liebe in etwas Schönes zu verwandeln. Und was das Ende betrifft: ich stehe fest zu meiner Meinung, daß die Leserinnen dieser Bücher aufgeweckte, intelligente Frauen sind, denen man nicht das offensichtliche in Neonfarben einzeln buchstabieren muß. Wenn man eine Zillion Bücher gelesen hat, wo sich das Paar am Ende küßt und Hand in Hand dem Sonnenuntergang entgegen läuft, wissen sie, daß dieses Paar bis zum Ende aller Tage glücklich zusammensein wird. Ich persönlich sehe nicht ganz ein, warum sich Trey Hawthorne aus Liebe vor einer Frau niederwerfen sollte, es langte dem armen Kerl schon, seinen Titel und seinen Reichtum zurückzulassen, sprichwörtlich mittellos zu sein – alles für eine Frau. Genug gesagt.

Jedoch finde ich die Idee, ein Sequel nur für die Leser zu schreiben, die offensichtlich ein in Neon buchstabiertes Happy End brauchen, witzig. Sollte aber ein weiteres Buch in Planung sein, bedeutet das, daß Held und Heldin sich offensichtlich am Ende von „Begierde kennt keine Grenzen“ nicht wiedergefunden haben. Dies stört wiederum MICH, weil es meine ganze Planung für die Wiedervereinigung dieses Paares total durcheinander bringt. Meiner Meinung nach ist es schwierig, es in das Konzept fassen, daß Trey Maria nicht gefunden und geheiratet hat.

Angela: Sie schrieben das Buch Fieberträume („Dream Fever“) über Neu Seeland und „Verbotene Sehnsucht“ („Once A Hero“) über Australien. Diese scheinen in einem anderen Stil geschrieben worden zu sein, nicht so düster wie Ihre anderen Bücher und eher wie der typische historische Liebesroman. Haben Sie das absichtlich gemacht oder interpretiere ich das falsch?

Katherine Sutcliffe: Nein, es war keine Absicht, daß ich sie eher wie typische historische Liebesromane geschrieben habe. Ich schätze, es passierte einfach so, da ich nicht absichtlich über gequälte Charaktere und düstere, verdrehte Handlungen schreibe. Sie entwickeln sich einfach so. Denn ich denke, ich bin nur ein düsteres, verdrehtes Wesen, das lieber über makabere Dinge denn über luftigleichte Süße und Helligkeit schreibt. Nicht, daß ich nicht gerne gelegentlich etwas humorvolles lese, oder etwas das mein Gehirn zum Denken anregt. Ich mag nur nicht eine konstante Diät daraus. Mein Gehirn verwandelt sich Brei und dann ende ich damit, daß ich Bücher in den Müll werfe. Ha!!

Angela: War ich die einzige Leserin, die Bronte aus „Verbotene Sehnsucht“ wahnsinnig machte weil sie so dickköpfig war?

Katherine Sutcliffe: Angela, Liebling, ich muß zugeben, daß Sie bis jetzt die einzige sind, die sich über Brontes Dickköpfigkeit aus „Verbotene Sehnsucht“ beschwerte. Aber wenn Sie ein Problem mit ihr hatten, bin ich mir sicher, daß es anderen genauso ging.

Das kommt vor. Ich kann nicht gerade behaupten, daß ich jemals von einer Liebesromanheldin gelesen habe, der ich nicht gerne ein paar Schläge verpaßt hätte (inklusive meiner eigenen). Aber ich lese die Bücher nicht wegen der Heldinnen. Ich lese sie wegen der Helden. Wenn es nach mir ginge, könnten die Heldinnen fünf Köpfe und zehn Beine haben und ich würde es nicht merken, sofern der Held groß, dunkel und gutaussehend ist sowie möglichst breite Schultern hat.

Angela: Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist „Fieberträume“ weil ich während des Lesens ab und zu schniefen mußte... Obwohl der Held zum englischen Adel gehört, „gaben“ Sie ihm mit Summer eine einfache Heldin mit einem Herzen aus Gold. Ich glaube, daß dies auch ungewöhnlich ist, da die meisten Heldinnen in historischen Liebesromanen meistens später herausfinden, daß sie reich oder adlig sind. Warum haben Sie über Schafzucht geschrieben und wie haben Sie von den „Kakadus“ erfahren?

Katherine Sutcliffe: Offen gesagt bin der reichen Aristokratie selber müde geworden, aber leider wollen die meisten Leser normalerweise nicht über arme, unglückliche Menschen lesen. Ich für meinen Teil würde gerne in die Gosse herabsteigen und über das eigentliche Volk und richtige Probleme schreiben. Aber, wie Sie einmal sagten, wollen die Leser Fiktion. Ihre Vorstellung eines Happy Ends handelt nicht von einer Heldin, die für den Rest ihres Lebens an einen heißen Herd gefesselt ist.

Von den Kakadus habe ich während meiner Nachforschungen über Neu Seeland erfahren.

Angela: In „Miracle“ geben Sie sehr detaillierte Informationen über Araberpferde. Sind das Ihre eigenen Erfahrungen die Sie mit Ihren Pferden gemacht haben?

Katherine Sutcliffe: Ja!! Ich züchte Araberpferde und halb-arabische Pintos. Ich hege eine tiefe Zuneigung zu Araberpferden.

Angela: Als ich „Verbotene Sehnsucht“ las, stellte ich fest, daß darin sehr viele Informationen über Hasen enthalten waren. Ich habe selber einen Hasen zu Hause, der mich gerade mal so toleriert und meint, meine Wohnung gehöre eigentlich ihm und nicht mir. Haben Sie Erfahrung mit Hasen und haben Sie einige Tipps für Halter von dickköpfigen Hasen? ;-)

Katherine Sutcliffe: Nochmal ja!! Einige Jahre lang züchtete ich Hasen. Alle Arten von Hasen, egal welche. Einmal hatte ich draußen 50 Hasen und ein Pärchen drinnen. An Sommermorgenden ging ich kurz nach Sonnenaufgang raus und alle kamen aus der Garage, wo sie lebten, (ich habe diese mit vielen Heuballen gefüllt, so daß sie ihre eigenen kleinen Bauten anfertigen konnten.) um mich zu begleiten: jede Größe, jede nur mögliche Farbe, alle hoppelten um mich und auf mir herum, fraßen Karotten und Äpfel. Jeden Morgen hatte ich sogar einen Haushasen, dem ich einen heißen Tee mit Zucker und Sahne machte und sogar ein Stückchen Toast geben mußte. (Hätte ich das nicht getan, hätte sie meinen Toast gefressen und meinen Tee getrunken. Ihr Name war Dusty.) Wir saßen zusammen auf dem Sofa, haben Toast und Tee zu uns genommen und gemeinsam die Morgennachrichten im Fernsehen angeschaut! Ich hatte auch einen Hasen (Baby) der Pizza liebte. Als ich ihr einmal kein Stückchen davon abgeben wollte, drehte sie so durch, daß sie mitten auf den Pizzateller sprang, dort weiterfraß und Mozarellafäden vom Teller bis zu ihrem Maul zog. Ein anderer war wild auf Puffreis (Sugar). Dann gab es einen (Chia), der gerne auf meiner Schulter saß, wenn ich meine Tochter von der Schule abholte.

Schließlich hatten sich alle Hasen, die draußen lebten, in der Gegend zerstreut. Sie können sich vorstellen, wie sich die Nachbarn gefreut haben. :-)
Übrigens, es gibt kein Heilmittel bei einem dickköpfigen Hasen!

Angela: Der Name „Jezebel“ ist eine Art amerikanischer Insiderwitz, den Deutsche in der deutschen Übersetzung nicht nachvollziehen können. Könnten Sie den deutschen Lesern die Bedeutung des Namens „Jezebel“ erklären?

Katherine Sutcliffe: Ganz einfach: „Jezebel“ ist eine Frau, die mit vielen Männern flirtet.

Angela: Haben Sie eine Lieblingsheldin oder –helden unter Ihren Büchern? Wieviel von Ihnen selber steckt in den Heldinnen?

Katherine Sutcliffe: Unter meinen Büchern gehören Kid Davis (“Geliebter Verräter“), die Hawthorne Brüder („Im Sturm der Gefühle“/“Begierde kennt keine Grenzen“), Johnny Whitehorse („Whitehorse“), Jason Batson („Notorious“, erscheint im November in den USA) und ganz besonders Brandon Carlisle (noch namenloser Contemporary Suspense) zu meinen Lieblingshelden.

Die einzige meiner Heldinnen aus meinen historischen Liebesromanen, die ich besonders mochte, war Miracle. Ich mag Alyson James Farrington – die Heldin meines Contemporaries, den ich derzeit schreibe – wirklich sehr. Ich reiche sehr weit für sie in mich hinein. Vieles aus ihrer Vergangenheit ist meine eigene – ihre Unsicherheiten, ihre innere Wertschätzung, etc.

Angela: Mögen Sie Ihre Buchcover und haben Sie Einfluß auf das Layout? Ihre Cover sind meist Innenseitencover mit neutralen Frontcovern. Ist das eine persönliche Entscheidung oder „Verlagspolitik“? (Anm.: sie erzählte mir privat, daß sie ihre deutschen Cover äußerst häßlich findet - so wie meine Wenigkeit - und das Cover ihres ersten deutschen Romanes sei in der Tat ein Cover gewesen, daß im amerikanischen Original für ein Buch ihrer Freundin angefertigt wurde. Am schönsten seien ihre chinesischen Cover.)

Katherine Sutcliffe: Ein paar meiner Cover gefielen mir. Meistens achten Verlage nicht auf die Wünsche eines Autors. Wie bereits erwähnt, versucht mein Lektor einen neuen Look für Sutcliffe-Bücher zu kreieren, der besser zu der Art Geschichten paßt, die ich erzähle. Ich habe auf die Innenseitencover bestanden, um die teilweise zu geilen Umklammerungen darauf zu verstecken. Meine letzten paar Bücher hatten jedoch gar kein Gemälde auf der Innenseite mehr – nur ein Frontcover mit draufgeklatschten Blumen. Cover sind so wichtig und leider habe ich das Gefühl, daß ich hier auf der schmalen Seite eines dicken Stiftes herauskomme.

Angela: Ich habe gehört, daß Sie auch für eine amerikanische Fernsehshow geschrieben haben?

Katherine Sutcliffe: Ich schreibe nicht mehr für’s Fernsehen. Einfach zu aufreibend und ich wollte nicht nach New York umziehen. Für 1 1/2 Jahre war ich die beratende Chefschreiberin für die Daily Soaps „ As The World Turns“ und „Another World“, wo ich mich tatsächlich einmal selbst gespielt habe! Es würde mir nichts ausmachen wieder für das Fernsehen zu schreiben, aber ich würde bei Seifenopern zwei mal überlegen. Man hat einfach keine Zeit zum entspannen. Sollte die Bezahlung natürlich gut genug sein, dann vielleicht. Meine Kinder sind älter und es wäre nicht ganz so furchtbar, sollten wir nach NYC umziehen müssen.

Angela: Welche anderen Bücher und Autoren lesen Sie?

Katherine Sutcliffe: Stephen King ist mein Lieblingsautor. Ich mag außerdem Nelson DeMille, Tami Hoag, Nora Roberts und Susan Elizabeth Phillips.

Angela: Wissen Sie, in welchen Ländern Ihre Bücher erscheinen? Hören Sie öfter von Ihren ausländischen Fans? Wie bleiben Sie mit Ihren Fans in Kontakt?

Katherine Sutcliffe: Ich werde in so vielen Ländern verlegt, daß ich es kaum nachverfolgen kann. Ich höre selten von meinen ausländischen Fans, obwohl ich, seitdem ich im Internet vertreten bin, öfter von ihnen höre als zuvor. Wenn ich einen Brief von einem Fan erhalte, schreibe ich grundsätzlich zurück. Falls mir jemand geschrieben hat und keine Antwort von mir erhielt, habe ich ihren Brief nicht erhalten oder sie nicht meinen.

Angela: Können Sie uns etwas über Ihre Zukunftspläne erzählen?

Katherine Sutcliffe: Ich hoffe so lange schreiben zu können, wie es Leser gibt, die meine Bücher lesen. Ich hoffe, daß ich als Autorin von Contemporaries wachsen und mich möglicherweise am Horrorgenre versuchen kann. In diesem Jahr werden mehrere meiner Bücher veröffentlicht:  „Geliebter Verräter“ wird im Mai 2000 in den USA wiederveröffentlicht. „Notorious“, ein neuer Historical, der in England/Indien spielt, erscheint im November 2000. Meine Weihnachtskurzgeschichte „Home For Christmas“ (Contemporary) wird im November auch wiederveröffentlicht.

Mein Contemporary Romantic Suspense wird irgendwann 2001 veröffentlicht, bis jetzt hat er noch keinen Titel. Und ich habe noch zwei weitere Historicals zu schreiben.

Ich möchte noch gerne all den engagierten deutschen Lesern danken, die mich über all die Jahre hinweg unterstützt haben. Ich hoffe, daß ich in den nächsten Jahren weiterhin die Art Bücher schreibe, die Euch gefallen.

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Dieses Interview entstand im März 2000 zwischen Angela W. und Katherine Sutcliffe für:



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